Ächte Tyroller Liader Flyer

ÄCHTE TYROLLER LIADER

Sonntag, 26.02.12, 17:00 Uhr
Konservatoriumssaal Innsbruck
Eintritt: freiwillige Spenden

Erich Urbanner: Ächte Tyroller Liader
Manuela Kerer: Impresa Omonéro
Werner Pirchner: Feld-, Wald- und Wiesen-Soli
Leopold Hurt: Erratischer Block

Hansjörg Sofka, Dirigent
Susanne Langbein, Sopran
Susanne Merth-Tomasi, Violine
Andreas Flemming, Kontrabaß
Stephan Moosmann, Klarinette
Stefan Ennemoser, Trompete
Karlheinz Siessl, Tenorhorn
Andreas Reiter, Euphonium
Harald Ploner, Saxophon
Egon Lardscheider, Horn
Gerhard Gruber, Schlagzeug
Andreas Schiffer, Schlagzeug
Jung-yee Choi, Klavier
Harald Pröckl, Akkordeon
Hanno Winder, Gitarre
Martin Mallaun, Zither

Erich Urbanner: ächte Tyroller Liader (1985)

Ein Leserbrief aus Tyroll

Was hört man da? Ischt das jetzt auch erlaubt? Acht ächte Tyroller-Liade solln das seyn? Wie kann denn einer sowas schreiben, ohne daß ihm die Hand verdorrt mitsamt dem Ärmelschoner? Und wie kann denn einer sowas singen, ohne daß sich ihm die Gurgl zuschnürt und die Zunge blau wird? Als ob wir ächten Tyroller nicht schon genug Ärgernüß hätten mit dem kalten Wasser und dem Jodmangel und mit den vielen Felsbrocken, um die wir allweil herumgehn müssn, und mit dem narrischen Föhn und mit den Lawinen voll mit ausländischen Schifahrern und mit den unmöglichn Nachbarn und mit der volksfremden Regierung im Oschten.

Müssn jetzt da zwei eigene Leut, zwei selbergmachte, bodenständige und bergerfahrene Auswanderer daherkemmen und soliche acht unächte, nachgmachte Liader abladen vor unserer handgschnitzten Haustür als wie acht Schubkarren voll mit dampfenden Kuhmischt? Soll Sowas einen gstandenen Heimatfreund nicht verdrießn? Ischt des noch eine Vaterlandslieb zu seinem Mutterland? Und was soll man jetzt mit so einem machen, wenn es schon einmal passiert ischt und zum Himmel stinkt? Soll man ihn auf den Patscherkofel führn und dort droben mit Roßäpfel steinigen? Oder soll man einmal noch Milde walten lassn und ihn zum Pfarrer von Bschlabs, der immer z'Pfingstn 's Bsteck z'spät bstellt, zur Belehrung und Besserung schickn?

Dem Urbannererich kann man's ja noch einmal nachsehn. Des ischt ein armer Musikant, der hat sich verführn lassn. Aber der Bletschacherrichard, der sowieso bloß ein halberter Außerferner ischt, der soll sich nur anschaun lassn im Lechtal. Oder besser: der soll sich gleich den Bart wachsen lassn bis in die Lederhosn hinein, so lang bis ihn keiner mehr kennt, der Haderlump, der elendige.

Weil was unsere Sangeskunscht angeht mit Zither und Hackbrett und Holodrio, da hört sich der Spaß bei uns auf. Das ischt unser blutgrindiger Ernscht. Und nicht umeinsonscht sitzt ein ächter Tyroller Jodler ganz allein auf seim Gipfel - und jeder hat ein, es seind ja genug - und singt und singt, was der Kropf hergibt, daß nicht nur die Geier sondern oft sogar die blechernen Flugzeug aus dem Ausland einen Bogen machen um unser heiliges Land Tyroll. Da braucht man keinen nicht, der zahlt und lacht und klatscht und nacher eine Kritick schreibt, wie das die Flachlandmenschen tuon, die keinen Anstand habn, dort wo kein Stein mehr aus dem Bodn wachst: in der Zementstadt Wien.

Manuela Kerer: Impresa Omonéro (2009)

Omonéro ist das toskanische Synonym für Schwarzer Peter, eines der meist verbreiteten Kartenspiele für Kinder. Manuela Kerer spielt in diesem Stück mit verschiedenen Zahlen wie 31, 2 oder 15 ebenso wie mit verschiedenen ideellen Verwebungen des Gedankens des "jemand etwas Unangenehmes tun lassen". Zu diesem Zwecke vereinte sie in den sechs Sätzen verschiedene Südtiroler Synonyme für "hinterhältig sein" mit Teilen des Schwarze-Peter-Spiels und setzte die so verwebten Gedanken in ihre Tonsprache um. Sie befaßte sich intensiv mit der Zither, quälte dazu das Instrument ihrer Schwester und versuchte, neue KLangfarben mit altbewährten zu mischen.

Werner Pirchner: Feld-, Wald- und Wiesen-Soli (1991)

Für mit dem Horn verbundene Menschen

Sehr geehrte Horn-Künstler und -Künstlerinnen!

In den »Feld-, Wald- & Wiesen-Soli für Horn in F« habe ich versucht, ein kleines Meisterwerk zu komponieren, in dem ein mit dem Horn verbundener Mensch einige seiner musikalischen, technischen und seelischen Möglichkeiten in den Kosmos stellen kann.

Zu den einzelnen Sätzen möchte ich nicht mehr sagen, als daß diese Musik sowohl in einem schönen Konzertsaal, in einer winzigen Musikschule, auf einer intakten Wiese, auf dem Kitzbichler Horn, in einem aufgelassenen Messingbergwerk, in einem Zelt oder daheim aufgeführt werden kann.

Den vierten Satz können hohe Hornisten in der hohen Version spielen. Tiefe Hornisten in der tiefen. Oder umgekehrt.

Leopold Hurt: Erratischer Block (2007)

Leopold Hurts (geboren 1979 in Regensburg) kompositorische Entwicklung ist von Einflüssen geprägt, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: Da ist seine Ausbildung zum Zitheristen, einem Instrument, das zwar, wie Hurt betont, seine Prägung im bürgerlich-urbanen Milieu des 19. Jahrhunderts erfahren hat und heute vermehrt in der Neuen Musik eingesetzt wird, das aber nichts desto trotz in erster Linie mit volksmusikalischen Idiomen in Verbindung gebracht wird. Da ist sein Studium der Alten Musik und der historischen Aufführungspraxis in München, und nicht zuletzt ist da sein Kompositionsstudium bei Manfred Stahnke in Hamburg, einem experimentellen Komponisten, dessen kompositorische Schwerpunkte u.a. auf mikrotonalem Komponieren liegt.

Hurts Musik zeichnet aus, dass sie diese Einflüsse nicht adaptiert, sondern zu ihnen Stellung bezieht. Er thematisiert Alte Musik wie traditionelle Volksmusik gleichermaßen in seinen Kompositionen, ohne dass diese Teil seiner originären Musiksprache werden. Neben der eingehenden Analyse der verwendeten Materialien ist es vor allem eine Konfrontation mit dem scheinbar Bekannten, das in neuen Zusammanhängen wiederum befremdlich wirken kann. So sagt Hurt in einem Interview: Gerade in der Volksmusik ist das ein komplexes Unterfangen. Ähnlich wie in der Alten Musik ist die Gefahr latent vorhanden, dass das Material innerhalb einer künstlerischen Auseinandersetzung nostalgisch verbrämt oder "restauriert" wird. Das ist jedoch kein Thema für mich: ich sehe die Musik vielmehr dort, wo sie soziologisch verortet ist. Abseits von institutioneller Pflege und touristischer Folklore interessieren mich die vorhandenen Spuren einer ungeschönten "schmutzigen" Musizierpraxis. Ihre Geschichte bietet für mich eine Reibungsfläche, in der ich Übergänge zwischen konkreter Abbildung und Abstraktion herstellen und dabei unverbrauchte Klangmöglichkeiten des Instrumentariums nutzen kann.

Die Art und Weise, wie der Umgang mit historischem Material als "objet trouvé" in Hurts Kompositionen verarbeitet wird, ist dabei äußerst vielfältiger Natur. In seiner 2007 uraufgeführten Ensemblekomposition "Erratischer Block" etwa, hat Hurt sich augenzwinkernd und ernsthaft zugleich, so Till Knipper in einem Bericht in der nmz (3/2011) zwischen die Vorurteile gedrängt und historische Tonaufzeichnungen alpenländischer Musik aus den 1920er Jahren als klangliche objet trouvés zu einem ungewöhnlichen Ausgangspunkt dieser Musik gemacht. Er seziert die historischen Aufnahmen, um sich dann wieder gemeinsam mit dem Hörer an die ursprüngliche Gestalt zurückzutasten.